Urwald oder Kulturlandschaft?

Kontroversen und Konflikte um den Nationalpark

Die Sächsische Schweiz als einzigartiger Landschafts- und Kulturraum wird seit Jahrhunderten wirtschaftlich (Steinbrüche, Waldwirtschaft, Viehzucht, Ackerbau) und seit dem Ende des 18. Jahrhunderts auch touristisch genutzt. Es gab dabei schon früh Bestrebungen, die Interessen der Bewohner, der Besucher und des Naturschutzes in Einklang zu bringen. Die ersten behördlichen Naturschutzbemühungen reichen ins Jahr 1847 zurück. Damals ging es in erster Linie um den Schutz wertvollen Baumbestandes. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts sorgten die Behörden aus Schutzgründen für die Schliessung von Elbsteinbrüchen und die Ablehnung zahlreicher Anträge für Berg- und Seilbahnen (z.b. auf die Bastei, den Winterberg oder den Lilienstein). In den 1930er Jahren wurden durch gesetzliche Regelungen sowohl generell Naturdenkmale wie Felsformationen und Höhlen als auch abgegrenzte Areale wie die Gegend um die Bastei unter Naturschutz gestellt. Anfang der 1940er Jahre wurde ein Großteil der Sächsischen Schweiz unter Landschaftsschutz gestellt. Nach dem zweiten Weltkrieg setzten sich die Schutzbemühungen fort, in der DDR war die Sächsische Schweiz Landschaftsschutzgebiet und einige Kernzonen genossen den Status eines Naturschutzgebietes.

Nach der politischen Wende 1989 gab es Bestrebungen, den gesetzlichen Schutzstatus der Sächsischen Schweiz weiter zu stärken. Dies mündete 1990 in die Gründung eines Nationalparks. Eigentlich wies die geplante Schutzfläche nicht die nötige zusammenhängende Mindestfläche auf und es handelte sich um einen bereits weitgehend erschlossenen Kulturraum, der erst wieder in den, eigentlich zu schützenden, Urzustand zurückversetzt werden sollte. Über diese schwerwiegenden Einwände wurde jedoch hinweg gegangen, was dazu führte, daß der Nationalpark von Anfang an bei der einheimischen Bevölkerung hoch umstritten war. Dazu trug weiterhin das teils kompromisslose Vorgehen der Nationalparkverwaltung beim Rückbau touristischer Infrastrukturen bei, wie das Verschlagen von Wegen und Stiegen und die Zerstörung von bestehenden Boofen und Hütten. Auch gegenwärtig kommt es zwischen Bergsteigern und der Nationalparkverwaltung regelmäßig zu Konflikten z. B. um das Freischneiden von Klettergipfeln oder die Freiübernachtung am Fels.

Hier zeigt sich exemplarisch die Frontlinie eines Grundkonfliktes: einerseits Rückverwandlung der bestehenden Naturlandschaft in ihren Urzustand durch Einschränkung und Rückbau der wirtschaftlichen und touristischen Nutzung (Nationalparkbehörde), andererseits Erhaltung der Natur und Nutzung zu Erholungszwecken wie seit hunderten von Jahren (Wanderer, Kletterer, Einheimische). Die Erhaltung der einmaligen Naturlandschaft ist der kleinste und einzige gemeinsame Nenner der beiden Lager. Der Rest ist kontrovers und treibt mitunter bunte Blüten. Ein Konflikt aus dem Jahre 2010 mag das illustrieren. Damals wurden von Seiten der Nationalparkverwaltung unter Leitung ihres damaligen streitbaren Chefs die detailgetreuen Wanderkarten des Schandauer Kartographen Rolf Böhm als nicht gesetzteskonform gebrandmarkt, da dort alle in der Natur vorhandenen Wege eingezeichnet sind, auch die, deren Benutzung, obwohl gestattet, von der Nationalparkbehörde nicht gern gesehen wird. In diesem Zuge wurde gezielt auf touristische Partnerunternehmen des Nationalparks Einfluss genommen, die Böhm-Wanderkarten nicht anzubieten, sondern stattdessen die vom Nationalpark empfohlenen Karten eines anderen Verlages, wo nur die genehmen Wege eingezeichnet sind. Dies erinnert jene, die in der DDR gelebt haben, auf fatale Weise an die damalige Praxis der Verfälschung von öffentlich zugänglichen Karten ("Ausgabe Volk"), um den genauen Verlauf der Staatsgrenze oder die Lage von Sperrgebieten zu verschleiern. Die realitätsgetreuen Karten ("Ausgabe Staat"), waren ausschließlich den Behörden vorbehalten.

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